Liebe Gemeinde,

ich begrüße Sie alle ganz herzlich am heutigen 16. Sonntag nach Trinitatis. Den Predigttext für den heutigen Sonntag finden wir im 2. Timotheus, Kapitel 1, die Verse 7-10. Lassen Sie uns diesen Text zunächst gemeinsam lesen:

Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserem Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit mir für das Evangelium in der Kraft Gottes. Er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unseren Werken, sondern nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor der Zeit der Welt, jetzt aber offenbart ist durch die Erscheinung unseres Heilands Christus Jesus, der dem Tod die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium.

Liebe Gemeinde,

einige unter uns können sich sicherlich an die Starwars-Filme erinnern und den Abschiedsgruß der Jedi: „Möge die Macht mit dir sein.“ Einen ähnlichen Gruß sehen wir in unserem heutigen Predigttext, welcher in einer anderen Übersetzung lautet: „Möge die Kraft Gottes mit dir sein.“

Wer mich ein wenig näher kennt, der weiß, dass ich derartige Allgemeinplätze nicht besonders mag, sondern eher das Konkrete vorziehe. Wenn also die Kraft Gottes mit mir sein möge, dann möchte ich schon gern wissen, woraus denn genau diese Kraft besteht und woraus nicht. Unser heutiger Predigttext beantwortet uns auch genau diese Frage. Gehen wir der Antwort doch einmal etwas näher auf den Grund.

1. Die Kraft der Liebe

Das Wort Liebe kann sowohl mit „eros“ aber auch mit „agape“ übersetzt werden. Über eros und dessen Bedeutung müssen wir uns sicherlich nicht lange unterhalten. Bei agape sieht dies schon etwas anders aus.

Wenn Gott uns die Kraft der Agape geschenkt hat, dann handelt es sich eben nicht um menschliche Liebe, sondern um die von Gott inspirierte uneigennützige Liebe. Diese Kraft der uneigennützigen Liebe weist gegenüber der menschlichen Liebe einige Besonderheiten auf.

Agape ist voll schenkender Güte. Wenn ich etwas verschenke, dann gebe ich dies gern und erwarte auch keine Gegenleistung. Wenn ich also meinen Mitmenschen Güte zuteil werden lasse, dann erwarte ich nicht, dass ich genau diese Güte wieder zurückerhalte. Agape schenkt bedingungslos und erwartet nichts vom anderen als Gegenleistung. Die Kraft der Agape äußert sich auch in der gegenseitgen Treue.

Gegenseitige Treue bedeutet zum einen meine Treue gegenüber Gott. Dass wir Gott treu sind, das ist doch selbstverständlich. Oder etwa nicht ? Schauen wir doch nur einmal auf all die kleinen und großen Verführungen, welche uns von dieser Treue abhalten möchten. Wie schnell sind wir geneigt, diesen Versuchungen nachzugeben. Da ist es dann schon gut zu wissen, das Gott uns mit Agape genau diese Kraft der Treue zu ihm geschenkt hat, die wir benötigen, um nicht gleich jeder Versuchung nachzugeben.

Die Kraft der Agape ist aber auch die Kraft der Treue gegenüber meinen Mitmenschen. Genau diese Agape gibt mir die Kraft nicht nur Gott, sondern auch meinen Mitmenschen gegenüber treu zu sein. Und zwar auch dann, wenn diese es nach menschlichem Ermessen eben gerade nicht verdient haben. Wenn diese Menschen vielleicht genau das Gegenteil von Agape verdient hätten, dann gibt mir Gott gerade die Kraft, dieses Reaktionsmuster zu unterbrechen.

Die Kraft der Agape ist auch die Kraft der Barmherzigkeit und der Gnade. Wir leben ja in einer Zeit die nach dem Motto „Wie du mir so ich dir“ geprägt ist. Agape hilft uns auch hier, dort barmherzig zu reagieren, wo eigentlich Rache angesagt wäre. Barmherzigkeit und Gnade sind ja Begriffe, die uns Christen immer mal wieder um die Ohren gehauen werden im Zusammenhang mit dem Begriff „Weicheier“.

Genau das sind wir Christen allerdings nicht. Barmherzigkeit und Gnade heißt eben nicht das berühmte „Schwamm drüber“. Barmherzigkeit heißt im Prinzip nur: „Das, was du mir angetan hast, von dem steckt auch ein Teil in mir. Und weil mir verziehen wurden ist, verzeihe ich dir auch.“ Wenn ich mein vermeintliches Recht durchsetzen würde, dann müsste ich mich selber auch richten. Weil mir Barmherzigkeit wiederfahren ist, kann ich dies in Form der Gnade auch an meine Mitmenschen weitergeben. Gnade heißt nicht alles und jedes zu tolerieren oder zu akzeptieren, was uns unsere Mitmenschen antun. Gnade vor Recht ergehen lassen bedeutet, dass der andere genau weiß, was er getan hat, und dies zutiefst bereut. Die Kraft der Agape bedeckt meine Wut, wenn wir so wollen, mit der göttlichen Liebe.

2. Die Kraft der Besonnenheit

Liebe Gemeinde, hiermit ist die Kraft des Heiligen Geistes gemeint. Mit dem heiligen Geist ist Gott bei uns eingezogen. Dieser Heilige Geist führt und leitet uns unser ganzes Leben lang. Er zeigt uns genau, was wir tun oder aber besser lassen sollten.

Das setzt natürlich voraus, dass wir auch auf ihn hören. Jeder von uns kann die Stimme des Heiligen Geistes mit dem Lärm des Alltages übertönen. Gott zwängt sich bekanntermaßen keinem auf. Nehmen wir einmal an, wir hätten einen guten Freund, von dem wir wüssten, dass er uns in allen unseren Lebenslagen stets und immer richtig berät. Ich glaube, jeder von uns wäre gut beraten, diese Freundschaft auch entsprechend zu pflegen.

Das schöne ist, dass wir diesen besten Freund in Form des Heiligen Geistes bereits besitzen. Wir sollten nun auch dies Freundschaft pflegen. Und wie pflegt man eine Freundschaft? Nun, zum Beispiel indem man mit dem Freund regelmäßig redet. Nicht nur mal so eben zwischen Tür und Angel. Nein, jeden Tag ganz ausführlich. Und dann wäre es natürlich auch dienlich, wenn man die guten Ratschläge des Freundes auch beherzigt. Niemand würde dauerhaft unser Freund sein wollen, wenn wir seine Ratschläge immer in den Wind schlagen würden.

Die Kraft des Heiligen Geistes versetzt uns also in die Lage, das jeweils beste Verhalten zu erkennen. Das ist das eine. Der Heilige Geist versetzt uns auch in die Lage, dies unseren Mitmenschen weiter zu geben. Notfalls auch mit Worten, aber viel besser geht dies mit Taten.

3. Keine Furcht

Von den soeben beschriebenen Kräften dürfen wir unser Leben lang zehren. Wissen Sie, was das schönste daran ist? Feigheit, Ängstlichkeit und Furchtsamkeit gehören in dem Moment der Vergangenheit an, wo wir uns auf diese Kräfte berufen mit denen uns unser Herr ausgestattet hat.

Natürlich kommen wir alle immer wieder in Situationen die uns Sorgen bereiten oder gar Angst machen. Genau in diesen Situationen sollen wir uns aber immer wieder daran erinnern, dass uns Gott nicht den Geist der Furcht, sondern die Kraft der Liebe und der Besonnenheit gegeben hat.

Darum trage ich diesen ersten Satz unseres Predigttextes nicht nur im Herzen, sondern er befindet sich überall als Memo, wo ich mich für gewöhnlich aufzuhalten pflege. Ich kann aus meiner eigenen Erfahrung nur sagen, dass dies sehr hilfreich ist.

Probieren Sie es doch einfach einmal selber aus.

Wenn wir uns dies immer wieder in unser Gedächtnis rufen, dann können wir frohen Mutes in den 5. Vers des Liedes „Jesus lebt, mit ihm auch ich!“ (EG 115) von Chrsitian Fürchtegott Gellert einstimmen, der da lautet, we folgt:

Jesus lebt! Ich bin gewiss, nichts soll mich von Jesus scheiden,
keine Macht der Finsternis, keine Herrlichkeit, kein Leiden.
Seine Treue wanket nicht; dies ist meine Zuversicht.

Der Herr segne Dich und behüte Dich
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über Dir und sei Dir gnädig
Der Herr hebe sein Angesicht über Dich und gebe Dir seinen Frieden

Amen.

Liebe Gemeinde,

ich wünsche Ihnen allen noch einen gesegneten Sonntag und einen guten Start in die neue Woche unter der festen Gewissheit dass die Kraft der Liebe und der Besonnenheit immer in uns wohnt.

Es grüßt Sie alle recht herzlich
Ihr

Ulrich Naber