Predigt zu Reminiszere

Liebe Gemeinde,

ich begrüße Sie alle ganz herzlich am heutigen Sonntag, dem 2. Sonntag in der Passionszeit (Reminiszere). Den Predigttext für den heutigen Sonntag finden wir im 12. Kapitel des Matthäusevangeliums, die Verse 38-42. Lassen Sie uns diesen Text zunächst gemeinsam lesen:

Die Zeichenforderung der Pharisäer

Da fingen einige von den Schriftgelehrten und Pharisäern an und sprachen zu ihm: Meister, wir möchten gern ein Zeichen von dir sehen. Und er antwortete und sprach zu ihnen: Ein böses und abtrünniges Geschlecht fordert ein Zeichen, aber es wird ihm kein Zeichen gegeben werden, es sei denn das Zeichen des Propheten Jona. Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Schoß der Erde sein. Die Leute von Ninive werden auftreten beim Jüngsten Gericht mit diesem Geschlecht und werden es verdammen; denn sie taten Buße nach der Predigt des Jona. Und siehe, hier ist mehr als Jona. Die Königin vom Süden wird auftreten beim Jüngsten Gericht mit diesem Geschlecht und wird es verdammen; denn sie kam vom Ende der Erde, um Salomos Weisheit zu hören. Und siehe, hier ist mehr als Salomon.

Liebe Gemeinde,

soeben haben wir einen Satz gehört, dem wir heute einmal näher auf den Grund gehen sollten. Es handelt sich um den Satz: „Ein böses und abtrünniges Geschlecht fordert ein Zeichen…“ Wieso bezeichnet Jesus diejenigen, die ein Zeichen seiner Allmacht fordern, als „böse“ und „abtrünnig“?

1. Das Glaubenshindernis

Wir kennen alle den Satz, der uns Christen manchmal um die Ohren gehauen wird: „Ich glaube nur, was ich sehe.“ Wenn ich etwas sehe, dann brauche ich es auch nicht mehr zu glauben. Daher taugen auch Zeichen gar nichts, wenn es um den Glauben geht.

Zeichen halten uns vielmehr vom Glauben ab. Das nächste Problem des Zeichens ist, dass es immer nur einen ganz kleinen Teil des großen Ganzen präsentieren kann. Mit einem Zeichen kann Jesus niemals die gesamte Allmacht und alle Geheimnisse des Glaubens sichtbar machen.

Und wenn ich ein Zeichen gesehen habe, dann besteht die Gefahr, dass ich in der Tat das große und Ganze vollkommen aus den Augen verliere und mich nur noch auf das gesehene Zeichen fokussiere. Wenn ich Jesus auf ein Zeichen oder ein Wunder reduziere, dann blende ich all das aus, was dieser Herr für mich getan hat und ich mache ihn so automatisch klein.

2. Das Vergessen

Viele von uns waren sicherlich schon einmal in einem Varieté oder einer Zaubershow und haben sich mitreißen lassen von den Künsten, die ihnen dort geboten wurden. Ich selber finde es auch immer wieder faszinierend, wie unsere Sinne im wahrsten Sinn des Wortes „hinters Licht“ geführt werden können.

Nach einer Show tauschen wir uns sicherlich noch mit anderen Menschen über das aus, was wir soeben gesehen haben. Aber spätestens am nächsten Tage hat uns der Alltag wieder in seinem Griff. Das, was wir gesehen haben, ist schon gar nicht mehr präsent und hat auch gar keine Bedeutung für uns mehr.

Mit dem, was die Pharisäer von Jesus fordern ist es ähnlich. Nehmen wir einmal an, Jesus würde in der Gegenwart der Pharisäer Wasser in Wein verwandeln. Die Überraschung wäre sicherlich groß. Man würde auch noch einige Tage darüber reden. Und dann würden die Pharisäer aufstehen und den Gemeindemitgliedern sicherlich erklären, dass dies zwar ein Zeichen war, aber dies doch gar nichts damit zu tun haben kann, dass Jesus der Christus und somit Gottes Sohn ist.

Und somit würde die theologische Elite einen Beweis dafür benutzen, um damit genau das Gegenteil zu erklären. Nur weil jemand ein eingefordertes Zeichen tat, bedeutet dies doch nur, dass es ihm einmal gelungen ist, Wasser in Wein zu verwandeln. Da können doch auch alle möglichen Tricks dahinterstecken. Und somit wäre mit dem Zeichen nichts erreicht. Durch das eingeforderte Zeichen würde Jesus nicht mehr und nicht weniger sein, als ein Allerweltsmagier.

3. Die persönliche Beziehung

Liebe Gemeinde, Jesus war keine Übermagier oder ein Showtalent der Extraklasse. Jesus wollte uns auch nicht zur Zeit seines Erdenlebens immer wieder durch Wunderhandlungen ins Staunen versetzen.

Jesus wollte und will nur eines von uns. Jesus möchte mit jedem von uns eine ganz persönliche Beziehung eingehen. Dies erfordert, dass wir uns auf eine Beziehung mit ihm einlassen. Jesus hat seine Liebe zu uns dadurch bewiesen, dass er für uns an unserer Stelle am Kreuze starb. Und jetzt sind wir gefordert.

Jesus möchte nur, dass wir das, was er für uns getan hat, im Glauben annehmen, zu ihm unser „Ja“ sagen und uns auf den Weg zu ihm machen. Das alles im vollkommenen Vertrauen darauf, dass der Jesus, der vor 2000 Jahren für uns gestorben ist, auch heute noch lebt und in das Leben eines jeden Menschen eingreifen kann. Und zwar ohne zuvor irgendwelche Zeichen einzufordern.

Jeder, der so vertrauensvoll in eine Beziehung zu Jesus tritt, der wird tatsächlich in der Folge in seinem Leben Zeichen und Wunder sehen, die er niemals für möglich gehalten hätte. Aber auf die richtige Reihenfolge kommt es an: Erst mein Ja und dann die Wunder und nicht umgekehrt.

Wenn Jesus in unser Leben einzieht, dann wird alles neu. Er regiert fortan über und in uns. Und dann geschehen Zeichen und Wunder. Nicht, weil wir sie von ihm fordern, sondern weil er die Zeichen und Wunder in unserem Leben geschehen lässt, die genau in dem Moment geschehen, wo sie für uns genau richtig sind.

Das ist eben der Unterschied: Jesus bewirkt keine Wunder als bloßes Zeichen seiner äußeren Macht. Jesus bewirkt Wunder als Zeichen seiner inneren Macht über die Menschen, die zu ihm gehören wollen.

Natürlich möchten viele Menschen, die den Weg zum Glauben noch nicht gefunden haben, auch heute noch Zeichen sehen, spüren oder irgendwie erkennen können. Erzählen wir ihnen doch von dem Jesus, der in uns Wohnung genommen hat und erzählen wir diesen Menschen doch mehr darüber, was dieser Jesus schon alles für uns getan hat. Wenn wir dies tun, dann können gerade diese indirekten Zeichen unsere Mitmenschen dazu bewegen, auch diesem Jesus angehören zu wollen.

Den Gott, der sich auch heute noch in Form des Heiligen Geistes allgegenwärtig um seine geliebten Kinder müht und bemüht, diesen Gott beschreibt der Liederdichter Ignaz Franz sehr schön in dem ersten Vers seines Liedes „Großer Gott, wir loben dich…“ (EG 331), der da lautet, wie folgt:

Großer Gott, wir loben dich; Herr, wir preisen deine Stärke.
Vor dir neigt die Erde sich und bewundert deine Werke.
Wie du warst vor aller Zeit, so bleibst du in Ewigkeit.

Der Herr segne und behüte Dich
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über Dir und sei dir gnädig
Der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe Dir seinen Frieden

Amen.

Liebe Gemeinde,

ich wünsche Ihnen allen noch einen gesegneten Sonntag zu Reminiszere und einen guten Start in die neue Woche.

Es grüßt Sie alle ganz herzlich
Ihr

Ulrich Naber