Liebe Gemeinde,

ich begrüße Sie alle recht herzlich am heutigen 6. Sonntag der Passionszeit, dem Palmsonntag. Den Predigttext für den heutigen Sonntag finden wir im Philipperbrief, Kapitel 2, die Verse 5-11. Lassen Sie uns diesen Text zunächst gemeinsam lesen:

Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Jesus Christus entspricht: Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, dass in den Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.

Liebe Gemeinde,

„Seid unter euch so gesinnt, wie ihr es auch Christus gegenüber seid“, so könnte der erste Satz des heutigen Predigttextes auch übersetzt werden. Da stellt sich natürlich die Frage für einen jeden unter uns: Wie bin ich denn Christus gegenüber gesinnt ? Oder: Wie sollte ich Christus gegenüber gesinnt sein ? Lassen Sie uns den heutigen Palmsonntag einmal dazu benutzen um über unser Verhältnis unserem Herrn gegenüber und unser Verhältnis unseren Mitmenschen gegenüber einmal etwas intensiver nachzudenken.

1. Aufmerksamkeit – Zuhören

Die Beziehung von uns Christen unserem Herrn gegenüber ist zunächst einmal vom Hören geprägt. Wenn ich nach meiner Bekehrung wissen möchte, wie ich mich als Christ verhalten soll, dann muss ich dies, wie wir alle, zunächst einmal lernen.

Indem ich auf das Wort Gottes höre und die Worte der Bibel beachte, lerne ich im Laufe der Zeit jede Menge über meinen Herrn, und darüber, wie ich mich als Christ in der Welt verhalten soll.

Das Hören wichtiger ist als das Reden, das sehen wir auch schon an unserer genetischen Ausstattung. Gott hat uns 2 Ohren, aber nur einen Mund gegeben. Klingt natürlich ein wenig scherzhaft, aber lassen Sie uns irgendwann am heutigen Tage einmal in Ruhe darüber nachdenken.

So, und dieses Verhalten sollen wir auch auf unsere Mitmenschen übertragen. Wir sollen Ihnen ehrliche Aufmerksamkeit entgegenbringen und ihnen auch wirklich mit dem Herzen zuhören. Seien wir doch mal ehrlich, wenn wir uns mit jemandem unterhalten, dann möchte doch jeder gern am meisten sagen. Und wie schnell unterbrechen wir unseren Gesprächspartner, weil wir meinen zu wissen, was er uns sagen will.

Lernen wir doch wieder das aktive Zuhören. Sprechen wir doch erst dann, wenn der andere Gesprächspartner seine Ausführungen beendet hat. Und bringen wir unserem Gegenüber doch genau so viel Achtsamkeit entgegen, wie wir das unserem Herrn gegenüber tun. Und lassen Sie uns dies nicht nur den Großen und Mächtigen gegenüber tun, sondern vor allem den Kleinen und Machtlosen unserer Gesellschaft gegenüber.

2. Treue und Ehrlichkeit

Diese zwei Tugenden sind für uns Christen unabdingbar. Treu und ehrlich sind wir doch alle, oder etwa doch nicht?

Unser Verhältnis Jesus gegenüber ist von Treue geprägt. Aber Achtung, ER ist uns immer wieder treu, auch wenn wir doch so manches Mal auf falschen Pfaden wandeln. Seine Treue und seine feste Zusagen nimmt er deswegen nicht von uns weg.

Jetzt übertragen wir dies einmal auf unsere Mitmenschen. Wie oft haben wir uns schon von unserem Gegenüber abgewandt, weil er uns vielleicht enttäuscht hat. Wie viele Beziehungen sind dadurch schon in die Brüche gegangen, dass wir eben unserem Gegenüber nicht verzeihen konnten.

Der Herr Jesus hat es ja schon dem Petrus gesagt, wie oft man einem Menschen verzeihen muss, 7 mal 70 mal. Also immer und immer wieder. Und jetzt kommt der Knackpunkt: Ich kriege das nicht hin. Gut, wenn mich ein Bekannter betrogen hat und um Verzeihung bittet, dann bekomme ich die Verzeihung vielleicht einmal hin. Aber wenn das Ganze zum Dauerzustand wird, dann ist das Ende der Fahnenstange bei mir jedenfalls irgendwann dann doch erreicht.

Ja, liebe Gemeinde, und dann hilft nur noch eines, nämlich der Gang zum Kreuz, wo ich wieder Kraft tanken kann, um Jesu Anspruch dann doch noch gerecht werden zu können. Aber selbst das haut leider nicht so hin, wie ich dies gern hätte. Dann bleibt nur noch eines, den Herrn um seinen Beistand ganz konkret in dieser Angelegenheit zu bitten. Und dann klappt es dann doch noch.

Übrigens, wir Christen sollen nicht die Deppen der Nation sein, die jedem Menschen immer und immer wieder alles, was er uns antut nachsehen unter dem Motto: Na ja, der ist halt als Kind zu heftig geschaukelt worden, der kann ja gar nicht anders. Nein, liebe Gemeinde, dies ist hier nicht gemeint.

Vergeben und Verzeihen setzt auch bei unserem Gegenüber eine aktive Reue voraus und die ehrliche Bereitschaft, wohlgemerkt nur die ehrliche Bereitschaft, sein Verhalten uns gegenüber ändern zu wollen und mit uns neu anfangen zu wollen.

3. Barmherzigkeit

Wenn wir Jesus gegenübertreten, dann erwarten wir ja allgemeinhin seine Barmherzigkeit. Die kalte Schulter mit der er uns abweist, die kennen wir bei Jesus jedenfalls nicht. Aber wir kennen sie häufig bei uns.

„Wenn der mir noch mal begegnet, na der kann sich auf was gefasst machen…“ Wenn wir ehrlich sind, dann haben wir doch alle schon einmal so gedacht. Und genau dies sollen wir eben nicht machen. Wir, die wir Barmherzigkeit empfangen haben, sollen diese Barmherzigkeit an unsere Mitmenschen weitergeben.

Barmherzigkeit unseren Mitmenschen gegenüber ist kein oberflächliches „Schwamm drüber…“. Das würde sowieso nicht lange gut gehen. Echte Barmherzigkeit ist getragen von der Erkenntnis, dass von allem, was der andere getan hat auch ein Stück davon in mir vorhanden ist. Und weil mir mein Herr sogar dieses Verhalten vergeben hat, bin ich aufgerufen, dies genau so zu tun.

Barmherzigkeit ist die Erkenntnis: Ich bin ein Stück weit wie Du und wir sind beide von der Barmherzigkeit Gottes abhängig. Jeden Tag in unserem Leben. Und darum sollten wir einander beistehen.

4. Der Knecht und der Herr

Wenn wir in der Gemeinschaft mit unserem Herrn sind, dann sind wir die Knechte und er der Herr. Das ist uns allen natürlich vollkommen klar und da würde auch ernstlich niemand unter uns dran rütteln wollen.

Aber wie machen wir es denn in der Gemeinschaft mit unseren Mitmenschen. Ist diese Gemeinschaft und damit auch ein Stück weit unsere heutige Leistungsgesellschaft nicht ganz besonders von einem Machtdenken bestimmt. Je mehr Menschen ich unter mir habe, desto mächtiger bin ich und desto größer ist mein Einfluss und desto mehr Menschen müssen machen, was ich sage.

Und auch so sollen wir nicht miteinander umgehen. Einer trage des anderen Last, so werden wir das Gesetz Christi erfüllen, so lesen wir es im Galaterbrief.

Also nicht den anderen möglichst kleinhalten, sondern ihm Lasten abnehmen, damit auch er, wie wir, wachsen kann. Nicht immer nur ICH, sondern immer auch DU.

Was heißt dies ganz konkret: Ganz konkret hießt dies Nächstenliebe üben. Überall, wo ich bin soll ich Ausschau halten, wem ich in diesem Moment der Nächste sein kann, ganz praktisch ohne jedwede strategische Vorplanungen.

Übrigens: Der Nächste ist nicht der nächste nette Kollege, sondern auch derjenige, über den ich mich vielleicht schon seit Wochen über alle Maßen ärgere.

Wenn wir das jetzt einmal Revue passieren lassen: Aufmerksamkeit, Zuhören, Treue und Ehrlichkeit, Barmherzigkeit, dienender Knecht, dann sind das alles Eigenschaften, die ich nicht in der Lage bin so durchzuführen, wie Jesus sie von mir erwartet. Das kriege ich nie und nimmer hin. Mag sein, dass es mir das ein oder andere Mal gelingt, aber im Großen und Ganzen stoße ich dabei doch immer wieder an meine Grenzen.

Und wo meine Grenzen sind, da steht Jesus und will mir über diese Grenzen hinweghelfen. Ich muss ihn nur darum bitten. Wenn ich dies immer dann tue, wenn ich mit den genannten christlichen Tugenden mal wieder auf Kriegsfuß stehe, dann wird mir immer wieder auf wunderbare Art und Weise geholfen werden.

Wollen wir es gemeinsam einfach mal 1 Woche lang zusammen ausprobieren ?

Ein singendes Gebet, um Bitte, genau dahin zu gelangen finden wir im 2. Vers des Liedes „Dir, dir, o Höchster, will ich singen…“ von Batholomöus Crasselius, der da lautet, wie folgt:

Zieh mich, o Vater, zu dem Sohne, damit dein Sohn mich wieder zieh zu dir;
dein Geist in meinem Herzrn wohne und meine Sinne und Verstand regier,
dass ich den Frieden Gottes schmeck und fühl und dir dar ob im Herzen sing und spiel.

Der Herr segne Dich und behüte Dich
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über Dir und sei Dir gnädig
Der Herr hebe sein Angesicht über Dich und gebe Dir seinen Frieden

Amen.

Liebe Gemeinde,

ich wünsche Ihnen allen noch einen gesegneten Sonntag. Bis zum nächsten Donnerstag, dem Gründonnerstag befehle ich Sie alle der Liebe unseres segnenden und behütenden Herrn an.

Es grüßt Sie alle recht herzlich
Ihr

Ulrich Naber