Liebe Gemeinde,

ich begrüße Sie alle ganz herzlich am heutigen 2. Sonntag nach Ostern, dem Sonntag Miserikordias Domini. Den Predigttext für den heutigen Sonntag finden wir bei dem Propheten Hesekiel im Kapitel 34, die Verse 1-2 und 10-16. Lassen Sie uns diesen Text zunächst gemeinsam lesen:

Und des Herrn Wort geschah zu mir: Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der Herr: Wehe den Hirten Israels, die sich selber weiden ! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? So spricht Gott der Herr: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern; ich will ein Ende damit machen, dass sie Hirten sind, und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, dass sie nicht mehr fressen sollen. Denn so spricht Gott der Herr: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen. Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es trüb und finster war. Ich will sie aus allen Völkern herausführen und aus allen Ländern sammeln und will sie in ihr Land bringen und will sie weiden auf den Bergen Israels, in den Tälern und an allen Plätzen des Landes. Ich will sie auf die beste Weide führen, und auf den hohen Bergen in Israel sollen ihre Auen sein; da werden sie auf guten Auen lagern und fette Weide haben auf den Bergen Israels. Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der Herr. Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist.

Liebe Gemeinde,

auf den ersten Blick sehr tröstende Worte, die uns der Prophet Hesekiel schon lange vor Christi Geburt zukommen lässt. Und doch steckt eine gewisse Brisanz hinter diesen Worten, derer wir uns heute morgen einmal gemeinsam annehmen wollen. Es geht nämlich um die Diskrepanz Religion versus Evangelium, also Religion im Verhältnis zu der frohen Botschaft. Lassen Sie uns daher versuchen, Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede herauszuarbeiten und was dies für unser Glaubensleben bedeutet.

1. Die Religion

Religionen gibt es, wie wir alle wissen, sehr viele auf unserem Planeten. Evangelisch oder Katholisch, was ist richtig? Oder haben vielleicht de Zeugen Jehovas doch recht mit ihrer Botschaft ? Dann gibt es noch die 7 Tage Adventisten und die Neuapostolische Kirche. Dies ist nur ein kleiner Ausschnitt der westlichen monotheistischen Religionen. Wenn wir fernöstliche Religionen, die ja derzeit wieder „in“ sind, hinzunehmen, dann eröffnet sich eine ganz gewaltige Vielfalt von Religionen.

Aber gleichzeitig stellt sich auch die sehr beunruhigende Frage: Wer hat denn recht? Wenn ich dem falschen nacheifere dann komme ich womöglich doch gar nicht in den Himmel oder doch?

Und hier setzt der Prophet Hesekiel ein, wenn er sagt: Wehe den Hirten Israels, die sich selber weiden!

Und jetzt kommt eine Definition, die wir uns immer vor Augen halten sollten: Religion ist der (vergebliche) Versuch von Menschen, Gott zu finden. Evangelium hingegen ist der Weg, den Gott wählt, um uns Menschen zu finden.

In jeder Religion gibt es Bestrebungen und Regeln, die eingehalten werden müssen, um den Weg zu Gott zu finden. Manche Religionen verfügen gar über ein so umfangreiches Regelwerk, welches es den Menschen schon gar nicht mehr ermöglicht, all diese selbsternannten Regeln einzuhalten. So war es auch schon zu Zeiten Hesekiels. Gerade die Oberen, Priester und Pharisäer unterlagen dem eigenen Dünkel, doch wohl etwas Besseres zu sein, als ihre Schäfchen, die ihnen anvertraut waren.

Und so kam es dazu, dass man die Schäfchen ordentlich schulte und ermahnte, ja gegen keines der oftmals selbsternannten Gebote zu verstoßen. So haben wir schon ein weiteres Merkmal einer Religion: Die Abhängigkeit der Religionsangehörigen von ihren Führern.

Dies ist besonders in Sekten noch immer sehr stark ausgeprägt, wie wir es zum Beispiel bei den Scientologen sehr gut beobachten können. Religionen nehmen einen derart starken Einfluss auf den Menschen, dass er bald voll und ganz gefangen genommen werden kann.

Allen Religionen eigen ist auch das Versprechen an ihre Anhänger, dass sie ihre eigene Erlösung auch nur selber verdienen und verdienen können. Das führt dazu, dass immer mehr Anstrengungen unternommen werden, um ja nicht unter die „Nichterlösten“ zu fallen. Viele Angehörige diverser Religionen leben dann auch unter der ständigen Angst, man könnte nicht genug getan haben. Man könnte  vielleicht doch etwas versäumt haben, um die Seligkeit zu erlangen.

Wir brauchen auch gar nicht sooo… weit über den Gartenzaun zu schauen. Selbst in westlichen Religionen gibt es Ansätze, die den Anhängern mehr aufbürden wollen als dies wirklich von Gott gewollt ist. Da geht es um die regelmäßige Teilnahme am Abendmahl, ohne welche man eben nicht in den Himmel kommt. Und wehe, einer der Mitglieder versäumt unentschuldigt einen Gottesdienst. Dann sieht es auch schon wieder recht düster aus mit der Himmelsperspektive.

Das Leben dieser Religionsanhänger können wir getrost als düster und finster, begleitet von allen möglichen Drohungen, bezeichnen.

2. Das Evangelium

Der verstorbene Evangelist Hans-Peter Royer drückte das Religionsleben einmal wie folgt aus: Gott hat uns die frohe Botschaft gesandt, und was haben wir daraus gemacht? Eine Kirche!!! Er meinte damit natürlich das, was außerhalb der frohen Botschaft in vielen Kirchen so alles gelehrt und von ihren Mitgliedern verlangt wird.

Der Prophet drückt die Perspektive Gottes aus, wie folgt: „Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen.“

Salopp gesehen hatte Gott das ganze religiöse Gekrampfe natürlich gesehen und war, wie wir bereits gehört haben, alles andere als zufrieden mit dem, was die Menschen so alles aus seinem Wort machten. Er sah und wusste natürlich, dass es keinen Weg gibt, der den Menschen aus eigenen Bemühungen  wieder zurück zu Gott führen konnte. Was musste also folgerichtig geschehen ? Richtig, Gott musste sich auf die Suche nach den Menschen machen.

Aber auch wenn er sie gefunden hatte, dann trennte immer noch die Sünde den Menschen von Gott. Somit musste ein Weg gefunden werden, der die Sünde auslöschte und somit den Weg zu Gott wieder frei machte. Wir wissen es alle, liebe Gemeinde, dies tat Gott, indem er Mensch wurde und mit seinem Blut am Karfreitag ein für alle Male für all unsere Sünden bezahlte.

Genau ab diesem Moment war der Weg zu Gott wieder frei.

Und das ist die zentrale Botschaft: Gott hat alles für unsere Erlösung getan. Wir können nichts, aber auch gar nichts dazu beitragen, damit unsere Sünden vor Gott getilgt werden. Und damit gehört alles religiöse Gekrampfe der Vergangenheit an. Wir müssen nur eines tun, nämlich das Geschenk, welches uns Gott mit der Bezahlung für all unsere Sünden bereitet hat, im Glauben annehmen.

Wenn wir dies tun, dann sind wir wieder Gottes geliebte Kinder und von keinem Menschen und keiner Religion abhängig. Allein von unserem Herrn sind wir fortan abhängig und von keiner Kirche, Glaubensgemeinschaft oder gar einer Sekte. Zwischen uns und Gott steht gar keine weitere Instanz mehr.

Und dieses Leben, liebe Gemeinde, ist alles andere als trüb und finster. Es ist DAS LEBEN schlechthin im Lichte und unter der Führung unseres Herrn.

Gott will uns erretten. Aber nicht nur dies, er will uns auch auf grüne Auen führen, so schreibt es der Prophet in unserem heutigen Predigttext. Was bedeutet denn dies nun wieder ? Eines bedeutet es sicherlich nicht. Es bedeutet nicht, dass es uns auf Erden so gehen wird wie wir es aus dem Schlaraffenland her kennen. Es werden uns auch nach unserer Bekehrung weiterhin Schwierigkeiten, Ängste und Sorgen begegnen. Nur haben wir jetzt jemanden an unserer Seite, der uns durch all dies hindurchleitet und begleitet.

Aber „die grünen Auen“ bedeuten noch mehr. Die grünen Auen hält Gott für uns bereit in seiner Ewigkeit. Wenn wir diese Erde verlassen, also heimgehen zu unserem Herrn, dann erwarten uns dort diese immergrünen Auen, die es uns an nichts fehlen lassen werden. „Ich selbst will meine Schafe weiden“, so lesen wir es gegen Ende des Predigttextes. Und das ist das größte schlechthin.

Gott sorgt nicht nur dafür, dass es uns an nichts mehr fehlen wird, nein er selber möchte in ständiger Gemeinschaft mit seinen geliebten Kindern die Ewigkeit verbringen. Und das ist kein frommes Wunschdenken, sondern das ist Gottes gesprochenes und damit verbindlich versprochenes Wort. Wenn das mal keine Botschaft ist, die wir unbedingt auch den Menschen weitersagen sollten, die eben noch nicht zu den erlösten Kindern gehören.

Das, was Gott uns geschenkt hat, das drückt der Liederdichter Philipp Friedrich Hiller sehr schön in dem 1. Vers seines Liedes: „Mir ist Erbarmung widerfahren…“ (EG 355) aus, der da lautet, wie folgt:

Mir ist Erbarmung widerfahren; Erbarmung deren ich nicht wert;
das zähl ich zu dem Wunderbaren, mein stolzes Herz hat’s nie begehrt.
Nun weiß ich das und bin erfreut und rühme die Barmherzigkeit.

Der Herr segne Dich und behüte Dich
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über Dir und sei Dir gnädig
Der Herr hebe sein Angesicht über Dich und gebe Dir seinen Frieden

Amen.

Liebe Gemeinde,

ich wünsche Ihnen allen noch einen gesegneten Sonntag und einen guten Start in die neue Woche.

Es grüßt Sie alle ganz herzlich
Ihr

Ulrich Naber