Liebe Gemeinde,

ich begrüße Sie alle ganz herzlich am heutigen 4. Sonntag nach Ostern, dem Sonntg Kantate. Den Predigttext für den heutigen Sonntag finden wir im Matthäusevangelium, Kapitel 21, die Verse 14-17. Lassen Sie uns diesen Text zunächst gemeinsam lesen:

Und es gingen zu ihm Blinde und Lahme im Tempel, und er heilte sie. Als aber die Hohenpriester und Schriftgelehrten die Wunder sahen, die er tat, und die Kinder, die im Tempel schrien: Hosianna dem Sohn Davids! , entrüsteten sie sich und sprachen zu ihm: Hörst du auch, was diese sagen? Jesus antwortete ihnen: Ja! Habt ihr nie gelesen (Palm8,3): “ Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet“? Und er ließ sie stehen und ging zur Stadt hinaus nach Betanien und blieb dort über Nacht.

Liebe Gemeinde,

soeben wurden wir Zeugen eines Gottesdienstes, den unser Herr persönlich abgehalten hatte. Was war nun das besondere an diesem Gottesdienst? Ich glaube es waren drei Punkte, die uns Jesus mit auf den Weg geben wollte und die auch bis heute nichts von ihrer Gültigkeit verloren haben. Lassen Sie uns diese drei Punkte einmal gemeinsam betrachten:

1. Jesus heilt

Als erstes lesen wir, dass sich Jesus der Blinden und Lahmen angenommen hatte und diese von ihm geheilt wurden. Nun waren die Blinden und Lahmen zu Zeiten Jesu nicht in einem Sozialsystem eingebettet, wie dies heute der Fall ist.

Wer damals blind oder lahm war, galt als nutzlos für die Gesellschaft und musste schon allein zusehen, wie er irgendwie über die Runden kommen konnte. Also lebten diese Menschen am Rande der Gesellschaft und wurden von dieser nicht nur als nutzlos, sondern zumeist auch noch als vollkommen wertlos angesehen.

Und gerade dieser Menschengruppe nahm sich Jesus als erstes an. Er nahm sich ihrer nicht nur an, sondern heilte sie und machte sie damit von einem Moment zum anderen wieder zu vollwertigen und geachteten Mitgliedern der ganz normalen Gesellschaft.

Liebe Gemeinde, sind wir heute wirklich so anders, wie die Menschen damals? Grenzen wir nicht auch heute im Jahre 2017 genau so Menschen aus, wie es die Gesellschaft zu Zeiten Jesu tat? Kümmern wir uns überhaupt noch um Menschen, die sich am Rande der Gesellschaft befinden? Sagen wir nicht lieber ganz schnell, dass doch der Staat dafür zuständig ist. Das ist auch, was Geld anbetrifft, zum Teil richtig. Aber vom Staat gibt es keine Anerkennung, Liebe und Wertschätzung, die diese Menschen genau so dringend benötigen wie das Geld zum Leben und Überleben.

Wenn wir Menschen heute ausgrenzen, dann laufen wir Gefahr, selber im übertragenen Sinne blind und lahm zu werden. Blind für all das Elend, welches uns umgibt und auch blind für das Wort Gottes, welches uns ganz genau sagt, was wir denn zu tun haben.

Wenn wir uns in unserem Leben so halbwegs gemütlich eingerichtet haben, werden wir auch lahm im übertragenen Sinne. Lahm mit der Bedeutung, dass es uns nicht mehr interessiert wie wir anderen Menschen helfen können und auch tatsächlich helfen.

Bitten wir unseren Herrn doch auch heute wieder, dass er unsere Augen öffnen möge, damit wir erkennen wo und wie wir unseren Mitmenschen in Not tatkräftige Helfer sein dürfen.

2. Kindermund tut Wahrheit kund

Alle Besucher dieses besonderen Gottesdienstes waren also Zeugen der Wunder, die Jesus an den Blinden und Lahmen tat.

Stellen wir uns doch einmal vor, wir sind Gottesdienstbesucher und werden Zeugen, wie der Pastor einem Blinden die Hand auflegt und dieser im gleichen Moment sein Augenlicht zurückerhält. Würden wir auch einfach stumm sitzen bleiben und so tun, als ob nichts besonderes geschehen wäre oder würden wir uns wie die Pharisäer auch noch darüber aufregen, dass ein Pastor Blinde heilen kann?

Eine Gruppe der Gottesdienstbesucher war jedenfalls von diesen Werken Jesu so beeindruckt, dass sie jubelnd und voller Begeisterung „Hosianna“ riefen, was übersetzt bedeutet: Und der Herr hilft doch.

Und diese Gruppe waren die Kinder, die an dem Gottesdienst teilnahmen. Als die Kinder sahen, was Jesus konnte, da wurde ihnen sicherlich schlagartig klar: Wenn der das kann, was er uns gerade gezeigt hat, dann ist der der tatsächliche Herrscher über uns alle, dann hat er Macht über Himmel und Erde. Und so ging ihnen das Herz über, dass sie gar nicht anders konnten, als dies in die ganze Welt hinauszuschreien.

Vor lauter Freude konnten sie gar nicht mehr an sich halten. Diese Freude musste einfach raus. Da konnte man doch nicht still sitzenbleiben und so tun, als wäre nichts geschehen.

Mal eine Frage, die wir uns alle stellen sollten: Wann ist uns eigentlich das letzte Mal ein begeistertes „Hosianna“ über die Lippen gekommen ? Wäre es nicht an der Zeit, dass wir uns wie die Kinder wieder von Jesus neu mit dieser tiefen inneren Freude infizieren lassen, die es auch uns wieder unmöglich macht nichts von dem zu erzählen, was dieser Jesus nicht alles auch schon in unserem Leben getan hat.

3. Tu nicht so erwachsen

Liebe Gemeinde, wir leben heute in einer wissenschaftlich ausgerichteten Welt in der nur Gesetzmäßigkeiten zählen. Wir sind dabei ja so abgeklärt und realistisch geworden, dass wir uns allein von sogenannten wissenschaftlichen Beweisen leiten und führen lassen.

Seit Jahrtausenden ist aber eines immer wieder Realität gewesen, nämlich die Regel, dass sich alle wissenschaftliche Erkenntnis weiterentwickelt. Was gestern noch in Stein gemeißelt schien kann morgen schon überholt sein. Ein Beispiel: Als kleinster Baustein einer Materie wurde lange Zeit das Molekül angesehen, bis man erkannte, dass dieses auch noch aus weiteren Untereinheiten, den Atomen, besteht.

Und wie hat man dies erkannt? Ganz bestimmt nicht, indem man sich gegenseitig auf die Schulter geklopft hat und gemeint hat, dass wir doch eh schon alles wissen. Nein, man hat genauer hingesehen und weiter probiert, geschaut und geforscht.

Die Kirchenfürsten zu Zeiten Jesu waren nicht anders, als wir es heute sind. Sie hatten ihre festen Meinungen und Überzeugungen und mit diesen ließ es sich auch ganz gut leben. Warum noch genauer hinsehen, etwas anderes probieren oder gar weiterforschen?

Jedem, der doch diesen Versuch unternahm, wurde erst einmal ein gerüttelt Maß an Skepsis gegenüber gebracht. Was ist, wenn  der recht hat? Dann muss ich womöglich mein ganzes schönes Weltbild ändern und nicht nur das, ich muss mich persönlich auch ändern. Und das wollte damals keiner der Kirchenoberen zulassen.

Und genau hier greift Jesus in das Leben der Menschen ein. Er fordert uns ja gar nicht auf, einer anderen Ideologie zu folgen. Er fordert uns nur auf ihm zu folgen und zu schauen, was dann so alles passiert. Wir können ruhig an unseren tradierten Vorstellungen festhalten, wir sollen sie ja gar nicht über Bord werfen.

Wir sollen uns nur auf den Weg machen und Jesus folgen. Mit allen Nöten, Sorgen und Problemen sollen wir uns mit ihm zusammen auf den Weg machen. Und dann, liebe Gemeinde, werden wir merken, wie dieser Weg der Nachfolge uns immer leichter und fröhlicher macht.

Anfangs drücken die Sorgen und Nöte noch gewaltig auf unseren Schultern, dass uns jeder Schritt schwer fällt. Dann  hindern uns uns unsere Traditionen vielleicht am Anfang noch, mit Jesus  Schritt zu halten. Aber so nach und nach merken wir, dass unsere Schultern leichter werden, weil er uns die Last abnimmt und dass uns auch Traditionen nicht mehr in ihrem Banne festhalten. Ja, es ist richtig: Jesus bricht auch bisweilen mit Kirchentraditionen, weil Kirche eben nicht Nachfolge heißt.

Darum lassen Sie uns nicht zu solchen Skeptikern verkümmern wie es die Pharisäer waren. Gehen wir doch wieder mit offenen Augen und Ohren und Herzen durch dieses Leben und folgen wir ihm doch ganz einfach nach und lassen uns überraschen, was unser Herr noch so alles für uns bereithält.

Wenn wir dies tun, dann können auch wir befreit unser „Hosianna“ ausdrücken indem wir in den ersten Vers des Liedes von Paul Gerhardt „Du meine Seele singe…“ (EG 302) einstimmen, der da lautet, wie folgt:

Du meine Seele singe, wohlauf und singe schön
dem, welchem alle Dinge zu Dienst und Willen stehn.
Ich will den Herren droben hier preisen auf der Erd;
ich will ihn herzlich loben, solang ich leben werd.

Der Herr segne Dich und behüte Dich
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über Dir und sei Dir gnädig
Der Herr hebe sein Angesicht über Dich und gebe Dir seinen Frieden

Amen.

Liebe Gemeinde,

ich wünsche Ihnen allen noch einen gesegneten Sonntag und einen guten Start in die neue Woche.

Es grüßt Sie alle ganz herzlich
Ihr

Ulrich Naber